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1. Kapitel "Schatten"
von Rory
(veröffentlicht am 24.03.2006)
Ich weiß nicht mehr, wann es passiert ist.
Aber ich konnte mich an ganz bestimmte, unscheinbare Details erinnern.
In dieser Sommernacht konnte ich nicht schlafen.
Mir war trotz der schwülen Nacht kalt, obwohl ich mit einer dicken Decke bis zum Kopf bedeckt war.
Der Vollmond leuchtete durch meine hellgrünen Vorhänge auf meine Decke.
Ich stand auf, ging zum kleinen Fenster und schob die Vorhänge zur Seite.
Das Fenster war leicht beschlagen, anscheinend hat es kurz vorher geregnet.
Die Nacht strahlte jedoch trocken in einem warmen, flammenden Kupferbraun.
Die kleine Straße und die Dächer unter mir waren in einem bläulichen Schimmer umhüllt.
Direkt gegenüber thronte ein altes Herrenhaus, das schon lange nicht mehr bewohnt wurde.
In den untersten Stockwerken befanden sich einst einige Geschäfte.
Die kolossalen Fenster mit breiter hölzerner Einfassung in den obersten Stockwerken und die runden Luken im Dachgeschoss waren mit Spinnweben überzogen und mit Taubenkot befleckt. Ich versuchte durch die bräunlichen und stark verstaubten Fensterscheiben hindurch zu sehen, um in das Innere des Herrenhauses zu blicken.
Dann geschah es. Ein Schatten flog blitzschnell vor meinen Augen vorbei.
Es wurde kurz pechschwarz, ich stolperte nach hinten und fiel hart auf den Parkettboden.
Ich war wie gelähmt. Eine Weile lag ich regungslos auf dem Boden und blinzelte der weißen Decke zu. Mein Kopf und meine Augen vibrierten vor Schmerz.
Ich schrie so laut ich konnte, mein Körper zitterte wie verrückt.
Bestürzt versuchte ich meiner Familie weinend zu erklären, was ich gesehen hatte.
Sie nickten zwar, aber ich wusste, sie glaubten mir nicht.
Diese Szene musste ich schon über Fünfzigmahl erzählt haben, doch immer schüttelten die Gestalten in Weiß ihre kahlen Köpfe. Ich hasste sie.
Sie hatten keine Ahnung.
Sie glaubten mir kein auch Wort, nachdem das alles vorgefallen war.
Ich wusste ganz genau, was sie über mich dachten. Für sie war ich schlicht geisteskrank. Ein unlösbarer Fall. Ich wusste auch, dass sie mich aufgeben werden, genauso wie es meine Familie getan hat. Nach all dem was passiert ist, war meine Verzweiflung dermaßen angewachsen, dass ich keinen Ausweg mehr sah und meine Gedanke und meine Geschichte aufschrieb, bevor sie verblich, damit mich vielleicht eines Tages jemand versteht, wenn es schon zu spät für mich ist.
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