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Abschied nehmen
von Symphonie
(veröffentlicht am 24.05.2005)
der letzte Weg ...
Das klingeln des Weckers holt mich unsanft aus meinen Träumen. Noch ganz benommen, setze ich mich auf den Bettrand. Was war das denn für ein Traum am frühen Morgen …
Ich besuchte im Traum die alte Dame und wie immer schnitt ich ihr eine Rose aus dem Vorgarten ab. Das war unser Ritual. Da ich immer zu verabredeten Zeiten kam, stand sie jedes Mal bereits freundlich lächelnd an der Tür. Und immer, wenn ich sie besuchte erriet sie, welche Rose ich diesmal mit herein bringen würde, eine rote, gelbe, oder weiße – dies zeigte unsere herzliche Verbindung. Dort in ihrem alten Haus mit dem wunderschönen Garten, konnte ich Ruhe finden und Kraft schöpfen. Es war eine Oase der Stille, wenn ich aus der lauten City zu ihr kam. Man konnte ihr stundenlang zuhören, wenn sie von früher erzählte. Sie stammte aus einer wohlhabenden Familie und hatte eine lange Zeit ihres Lebens in Italien verbracht. So manches, was sie erzählte, verstand ich nicht. Es reimte sich nicht zusammen. Die Reisen, die Familie und manches andere mehr, aber ich schrieb es ihrem alternden Gedächtnis zu, nicht ahnend, dass sie wohlweislich einiges verschwieg.
In meinem Traum jedoch, den ich so real erlebte, stand sie nicht an der Türe wie sonst und als ich mit meiner Teerose hereinkam, saß sie im Lehnstuhl in der Bibliothek und musterte mich streng. "Kind das ist doch die falsche Rose, du musst mir heute eine weiße Rose bringen" sagte sie. Ich rannte also in den Garten zurück und wollte ihr schnell eine weiße Rose abschneiden, von den dort wild wachsenden Rosenstöcken. Aber alle Blüten waren rot und als ich ganz hinten am Ende des Gartens ankam, stand dort ein einziger Rosenstock in weiß. Schnell schnitt ich die schönste Rose ab und rannte durch den Garten zurück. Im Traum aber waren dafür Stunden vergangen und als ich in das Haus zurückkam, lag die alte Dame tot in ihrem Bett… dann wachte ich erschrocken auf…
In der Hektik des Tages hatte ich den Traum um die alte Dame bald wieder vergessen, doch am Abend, als ich aus dem Büro kam, fiel er mir sofort wieder ein. Rasch aß ich eine Winzigkeit und griff zum Telefon. Obwohl unser Treff noch zwei Wochen bevorstand, fragte ich einfach so, wie es ihr ginge - ich hätte da ein schönes Buch gesehen und gekauft, ob ich es ihr vorbeibringen solle. Es wäre flockig und heiter zu lesen. Sie ging Gott sei Dank an den Apparat, freute sich und bedankte sich für den Tipp. Natürlich sagte sie zu. Schnell kaufte ich ein kleines Paperback und machte mich auf den Weg zu ihr. Am Stadtrand angelangt hatte ich nur noch ein paar Schritte zu ihrem Häuschen. Dort angekommen, lief ich hinters Haus durch das kleine gußeiserne Tor, was mit rosa Heckenröschen umwachsen war, in den Garten und pflückte ihr eine wunderschöne Rose ab. Ihr samtenes Schwarzrot sah fast unecht aus.. Als ich wieder ums Haus kam, stand sie nicht wie immer an der Haustüre und so nahm ich meinen Zweitschlüssel und schloss, nun doch unruhig geworden, auf. Ein merkwürdiger säuerlicher Geruch stieg mit in die Nase. Mein Herz klopfte schneller. "Hallo Maria", rief ich "ich bin da, wo sind Sie?" Ihre Stimme klang leise von der Terrasse her. Ich eilte durch die Räume dorthin und sah sie dort sitzen, an dem weißen, schmiedeisernen Tisch mit den geschwungenen Gussbeinen, in ihrem weißen Stuhl mit dem royal blauen Polster. Ihr Gesicht war ungewöhnlich fahl und die kornblumenblauen Augen, die ihrem Gesicht trotz ihres Alters immer so einen wachen Ausdruck verliehen, lagen tief in den Höhlen.
Rasch war ich bei ihr, was ist geschehen? Geht es Ihnen nicht gut? Soll ich einen Arzt rufen? Sie nickte abwehrend, "nein keinen Arzt liebe Ursel, setzen Sie sich her zu mir. Es wird Zeit, dass ich Ihnen etwas sage. Ich setzte mich neben sie; meine Knie waren mir das erste Mal in meinem Leben weich geworden. Sie stirb, dachte ich…jetzt…sie stirbt… "Es ist das Herz" sagte sie "es war eine schlimme Nacht. Mein Mann hat mich gerufen und ich weiß, dass ich nun gehen muss." Erschreckt sah ich sie an und umfasste ihre Hand.
“Liebes Kind, seien Sie nicht traurig, Sie haben sich so rührend all die Jahre um mich gekümmert. Es war mir immer eine Freude. Ich habe keine Verwandten mehr - wie sie wissen - und habe durch Sie die letzten Jahre in Freude und Ruhe sorglos verleben dürfen. Wenn mir etwas zustößt, wenden Sie sich bitte an meinen Notar. Alle Papiere sind geordnet und liegen in der roten Mappe in dem kleinen Sekretär. Ein Testament ist bereits geschrieben und liegt bei der Anwaltskanzlei - Dr. Klassen bereit.
Sie atmete kurz und machte eine Pause. Ihr Gesicht wurde dabei noch eine Nuance bleicher. Ich sagte, ich müsse mal zur Toilette und hastete zum Telefon. Ihr Hausarzt meldete sich zum Glück an diesem Abend. Sofort sagte er sein Kommen zu. Ruhe vortäuschend, ging ich wieder zu ihr zurück und schluckte. Was sollte ich sagen? In meinem Kopf hämmerte es angesichts ihres Aussehens, welches sie von jetzt auf gleich uralt und todkrank erscheinen ließ. Ich konnte keine barmherzige Lüge formulieren, es fiel mir einfach nichts ein. Wie ein Schnelldurchlauf lief ein Film von der gemeinsamen Zeit mit ihr vor meinem inneren Auge ab. Sie tritt die letzte Reise an. Ich war noch nicht dazu gekommen, ihren letzten Wunsch zu erfüllen. Wollte ich doch noch ihren Dachboden aufräumen und aussortieren ...
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