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Sophie
von yleae
(veröffentlicht am 01.06.2010)
Sophie, 17, Waisenkind.
Ich bin wie der Wind, nur die Haltlosigkeit vermag mich zu halten. Nirgends fühle ich mich zuhause und so gesehen kann ich überall heimatlos sein, kann überall sein. Zuhause ist eine Erinnerung, ist die Erinnerung an ein großes Erschrecken, ein großes Erwachen und an ein Davonwehen. Menschen sind Bäume, die ich umspiele, manche von ihnen sind Felsen, manche von ihnen sind große Felsen, manche sind kleine Felsen, manche sind Grashalme, manche sind eine weite Wiese. Das Weiche ist mir lieber, am Weichen verletzen sich meine Arme nicht. Ich will mich auf einer Wiese ausruhen, doch ich will nicht für immer auf dieser Wiese bleiben müssen. Ich will mich an einen Baum lehnen, doch ich will nicht mein Leben lang an diesen Baum gebunden sein, wo es doch so viele Stämme gibt! Ich will mich auf einen Stein setzen oder ein Grashalm bewundern dürfen, ohne mich diesem Grashalm verpflichtet fühlen zu müssen, wenn meine Bewunderung den nächsten streifen will. Manche wollen mich fest machen, wollen mich zu einem Gegenstand machen wie sie es sind, wollen, dass ich ihnen gegenüberstehe wie eine von ihresgleichen und in ihrer Sprache spreche und ihre Sehnsüchte teile, sowie ihre Sorgen und Ängste und ihre Freuden, wollen, dass ich an ihrem Leben teilhabe und meines mit ihnen teile. Ich aber will davonwehen, will nicht für ihre Geschichten verantwortlich sein oder sie zu meiner Geschichte machen. Ich will kein Satz, will nicht ein Wort einer fremden Geschichte sein und will nicht einen Satz, nicht ein Wort einer fremden Geschichte schreiben, doch ich will die meine schreiben, voll mit eigenen Sätzen und jedes Wort in ihr will ich sein. Ich habe nie nach einer Vergangenheit oder nach einer Zukunft gefragt, da mir jeder Moment groß genug ist für die Spannweite eines ganzen Lebens. Nichts anderes gibt es für mich als eine Reihe von Momenten, die zeitgleich geschehen. Und dann vergehen sie, weil neue Momente kommen und weil ein Moment nur so lange Moment sein kann wie ein Moment Moment sein kann. Meine Zukunft soll eine Farbe tragen, die frei ist von fremden Wünschen. Ich habe die Sprache der Erwachsenen nicht gelernt, weil ich noch in der Sprache der Kinder zu sprechen vermag. Muss ich um meinen Ursprung wissen? Genügt es nicht zu wissen, dass ich bin? Jetzt gerade bin ich hier, morgen dort. Du wirst vielleicht eines Tages über mich singen, Miguel und du Emmanuel, die wirst mich verallgemeinern, du wirst sagen: Menschen, die so sind und wirst damit mich meinen und all jene, die so sind wie ich. Du wirst mich verallgemeinern und kategorisieren, du wirst mich in einen Begriff packen, mich und all jene, die ein bisschen so sind wie ich. Die Psychologin wird mich anlächeln, wenn ich ihr gegenübesitze, sie wird mir zuhören. Sie wird mir zustimmend zunicken. Sie wird eine Geste der Aufmunterung veräußern, weil sie die Geste der Aufmunterung gelernt hat. Ich werde ihr einen Moment lang von mir erzählen, und auch sie wird sich denken: Noch so eine von den Menschen, die so sind, und dann werde ich aufstehen, ich werde zur Tür gehe, ich werde die Tür schließen und wissen, dass jedes Auf Wiedersehen eine Lüge sein kann. Ich werde darum bemüht sein, Heimat und Heim in Einklang zu bringen und werde dann doch von meiner Wurzel, die Wind ist, getragen werden.
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