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Emmanuel
von yleae
(veröffentlicht am 01.06.2010)
Als nächstes ergreift Emmanuel das Wort. Die Reihenfolge der Sprecher wurde zu Beginn der Runde ausgelost. Es gibt eine Moderatorin.
Moderatorin, 43, Psychologin einer kleinen Privatpraxis im Städtchen Y, spezialisiert aufs Tonkneten zur Befreieung angestauter und verdrängter Emotionen.
Sie ist Unbeteiligte, wird also nicht über sich sprechen, sondern kontrolliert lediglich den Ablauf, gleich als handele es sich um eine Gruppe Kinder, die jeden Moment dem Chaos verfallen könnte, was im Grunde bei Menschen immer irgendwie so ist und was, wenn ich das als Erzähler nebenbei anmerken darf, vielleicht nicht immer das schlimmste ist (erinnern wir uns an Jose, 34, Orchestermusiker, Schuhgrösse 44 und seine Disziplin, doch muss man dabei wohl bedenken, dass sowieso alles relativ ist). Wie dem auch sei: Eine Ansammlung mehrerer Menschen braucht ein führendes Tier, eines, das sagt: So und so nicht. Jetzt und nicht jetzt. Und jetzt du.
Emmanuel, 37 Jahre, vorrübergehender Journalist für die Internetpräsenz des europäischen Parlaments.
Ich habe kein Problem. Ich bin souverän. Meine Souveränität ist mein Problem. Gespräche öden mich an. Menschen öden mich an. Ich bin souverän in Worten. Es langweilt mich, wenn Menschen lange nach Worten suchen, um sich zu erklären und schließlich doch nur mühsam einen unvollständigen Satz heraus bringen. Worte sind Verkleidung, und wer will sich schon mit schlecht verkleideten Menschen umgeben? Worte sind außerdem zierlich, manierlich. Wer will schon mit jemandem zusammen sein, der nicht zierlich, nicht manierlich genug ist? Sie sind fein. Wer will schon ein grobes Weib? Sie brechen nicht aus. Wer will schon neben einer Furie liegen? Wenn ich schreibe, füge ich Absätze ein. Ich halte alles in Ordnung. Da ist nicht viel überflüssiges, kein Theater, kein Gezänk. Ich schreibe sachlich über die Themen, ich platziere ein Komma hier und hier folgt ein Punkt, weil es sich so gehört. Ich bin höflich in Worten, zurückhaltend. Ich muss mich nicht veräußern. Ich kürze ab, gleich einer Maßnahme zur Einsparung von Zeit, denn Zeit ist Geld, und weil ich es kann. Wer will schon mit jemandem zusammen sein, der nicht abkürzen kann? Lange Gespräche kosten Zeit. Ich füge Absätze im Leben ein, ich brauche klare Struturen. Diese Handlung ist von jener durch ein Komma getrennt, doch nach jener Handlung folgt ein Punkt. Zwischen mir und anderen Menschen installiere ich Bindestriche, doch ich kann mich nicht an unvollkommene Sätze gewöhnen. Mein Problem ist meine Souveränität. Sie macht mich intolerant und einsam. Doch ich kann mit Gestammel nun mal nichts anfangen.
Emmanuel, 37 Jahre, Ansätze von grauem Haar am Hinterkopf, räuspert sich, schließt seinen Mund und verharrt reglos in einer Sitzhaltung, in der er schon die ganze Zeit gesessen war. Ein krasser Gegensatz zum emotionalen Vortrag der jungen Edita, denkt sich Jose 34, Orchstermusiker, während die Moderatorin, 43, Psychologin, zustimmend und ermunternd lächelt wie sie es bereits seit Beginn der Veranstaltung tut.
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