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Jose, 34 Jahre
von yleae
(veröffentlicht am 01.06.2010)
Jose, 34 Jahre, Orchestermusiker.
Guten Tag, meine lieben Damen und Herren, meine bezaubernden Damen und meine ernsthaften Herren, meine Mitleidenden, meine Gefährten, ihr alten bekannten und ihr neuen, unbekannten, doch gerne gesehenen Gesichter, guten Tag. Ich bemühe mich darum, dem Leben zuzuhören. Aber ich höre nur noch Lärm. Er macht mich taub. Man soll erfolgreich sein und diszipliniert. So eröffne ich diese heutige Gesprächsrunde diszipliniert. Ich wähle meine Worte, so wie man sie wählt, wo mir doch eigentlich nach schreien zumute ist. Doch ich reiße mich zusammen, denn ich bin diszipliniert, liebe Freunde, diszipliniert. Die Disziplin ist mein Wasser und mein Brot. Man soll sich Schwäche nicht anmerken lassen. Niemand sieht mehr in einem Hut den Elefanten, der soeben von der Riesenschlange verdaut wird. Hüte sind Hüte. Schlangen sind Schlangen und Elefanten werden nicht von Schlangen gefressen. Ich erinnere mich an eine Zukunft, die anders aussah als die Gegenwart. Um meiner selbst willen versuche ich, mir in dieser luftleeren Enge, die sich Freiheit nennt, einen Atemweg freizukämpfen. Sind die Bewegungsmöglichkeiten irgendwann keine Bewegungsmöglichkeiten mehr, sondern nur noch Fluchtoptionen? Wir starren auf Bilder, die uns Fernsehkameras liefern, als ob unserer Blicke nicht schon rechteckig genug wären! Wohin? Die Blechbläser jagen mir von hinten ihren Lärm in den Nacken und vor mir streichen die Bratschisten Kolophonium auf die Bögen und streichen mit den Bögen über die Saiten. Ihre Finger vibrieren, doch mein Herz steht still, als hätte niemals ein Puls exisitiert, aus dem eine Welt geboren worden wäre. Ich bin kein Musikmissionär, sonst säße ich nicht im Orchester. Doch ich will keine Tonleiche sein!
Jose, 34 Jahre, Orchestermusiker, braunes, kurzgeschnittenes Haar, Schuhgrösse 44, relativ eleganter Anzug, gewöhnliches, unspektakuläres Gesicht, leichte Falten seitlich der Augen, eher trockene Haut, ist im Laufe seines Vortrages immer erregter geworden und wippt nun unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Seine Hände (groß und stattlich) sind gefaltet, als müsste sich die eine an der anderen festhalten, als gäbe es sonst nicht viel, an dem man sich festhalten könnte, um sich davon zu überzeugen, wahrhaft dieser Welt, also körperlich dieser Welt anzugehören.
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