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Aethelstan
von agilo
(veröffentlicht am 08.01.2008)
Kapitel 19
So hatte ich die Gelegenheit, eine Menschenstadt kennen zu lernen. Erzburg war - wie mir Áki versicherte - eher unbedeutend und klein, für mich aber war sie geradezu erschreckend. Es war weder die Größe der Häuser oder der Höhe der Türme, die mich beeindruckten, im Vergleich zu der Gewaltigkeit so mancher Elfenfestung wirkten die Mauern dieser Stadt so wehrhaft wie der Zaun einer Schafsweide, es war eher diese unglaubliche Masse an Individuen, die sich in den schmalen, schluchtartigen Gassen drängten, auf den unzähligen abgetretenen Treppen nur langsam vorwärts schoben und auf den Plätzen, die im ewigen Schatten der sie umrundenden Patrizierhäuser lagen, in dichten Trauben herumstanden. Zwerge lebten ganz anders, zumeist in Dörfern, die kaum größer waren als Grünthal und in Häusern, die von großen Gärten umgeben waren. Die Leute meines Volkes hatten keine Angst vor Nähe, schließlich verbrachten wir so manchen Abend an den Lagerfeuern damit, uns gegenseitig auf die Schultern zu klopfen, während wir unsere endlosen Heldenlieder sangen. Aber diejenigen, denen wir bei den zweideutigen Oden mit den Ellenbogen grinsend in die Seite stießen, waren unsere Freunde. Hier in dieser Stadt waren es Fremde, die dazu neigten, sich beim Vorwärtsschieben durch die Menge Platz zu verschaffen, indem sie alles, was mindestens einen Kopf kleiner war als sie selbst, zur Seite zu drängen versuchten. Sie schienen sich auch kaum darum zu scheren, wenn sie dabei einem ihnen unbekannten Krieger mit einer tödlichen Axt an seiner Seite ihre Ellenbogen an den Kopf rammten. Ich hielt ihnen zugute, dass sie vermutlich keine erprobten Kämpfer in meiner Größe kannten. In einigen Momenten hatte ich allerdings den dringenden Wunsch, ihnen diesen Wissensmangel zu nehmen, indem ich ihnen ihre Beine unterhalb des Kniegelenkes abschlug.
Doch Áki versicherte mir, dass gerade hier in dieser Stadt ein Mann wohnte, der von so großem Wissen war, wie man es kaum in der Welt der Menschen noch einmal antreffen würde. So, wie ich dieses Volk bisher kennen gelernt hatte, machte ich mir zwar keine Illusionen, dass es mit dieser Weisheit sehr viel her sein würde, aber da ich selbst absolut keine Idee hatte, wo wir unsere Suche nach dem Engel des Todes beginnen könnten, blieb mir nichts anderes übrig, als dem Jungen in diese Stadt zu folgen.
Erzburg war eine Stadt, die von einer großen Burg auf einem Hügel, dem Sitz des Herzogs, beherrscht wurde. Im Süden und Westen davon waren die Häuser der Unterstadt, zwei- bis dreistöckige Gebäude ohne Garten, dicht bei dicht stehend und sich, von nur schmalen Gassen durchzogen, um den Burgberg wie ängstliche Ferkel an ihre Mutter drängend.
Wir hatten uns in eine kleine, gemütliche Herberge eingemietet, die – entgegen meiner bisherigen Erfahrungen mit dem Volk der Menschen – sehr sauber und gut möbliert war. Es war erst früher Nachmittag, so dass wir uns dazu entschlossen hatten, uns sofort wieder aufzumachen, um Aethelstan zu treffen, jenem Gelehrten, von dem Áki behauptete, dass es der weiseste Mensch weit und breit war. Nun, der Begriff „weit und breit“ bezog sich bei einem jungen Mann wie Áki vermutlich auf den ganzen Bereich, der von Erzburg aus in einen Tagesmarsch zu erreichen war.
Rati allerdings, jener Berg von einem Menschen, der aus purer Kraft – und dafür leider deutlich weniger Geist – zu bestehen schien, weigerte sich, uns zu begleiten. Er war, soweit ich das aus seinen wenigen Worten herauslesen konnte, noch nie in einer Stadt gewesen und fühlte sich unter den vielen Menschen außerordentlich unwohl. Das war natürlich schade, denn so, wie uns dieser mächtige Bursche mit seinem Körper einen Weg durch die Wildnis gebahnt hatte, hätte er es durchaus auch in den Gassen Erzburgs machen können. Er hätte mit Sicherheit deutlich weniger Bekanntschaft mit den Ellenbogen der Leute gemacht wie ich, vermutlich hätte schon sein Anblick dafür gesorgt, dass die Menschen einen großen Bogen eingeschlagen hätten, um zu vermeiden, überhaupt nur in seine Nähe zu kommen.
Mir blieb also nichts anderes übrig, als dem jungen Áki durch die Gassen der Unterstadt zu folgen. Wir kämpften uns durch die Masse von Menschen, die mir ein ums andere Mal immer wieder so nahe kamen, dass sie mich berührten und ich leider auch zwangsläufig die unterschiedlichen Ausdünstungen ihrer dem Verfall anheim gegebenen Körper einatmen musste. Die Menschen hielten nämlich wenig von den Vorzügen einer ausführlichen Körperpflege, ja, die meisten von ihnen verabscheuten sie richtiggehend und waren überzeugt, das häufiges Waschen ihrer Gesundheit äußerst abträglich war. So mühten wir uns durch die Gassen, Áki vorneweg schreitend und sich nicht darum kümmernd, dass sein Gefährte mit den kurzen Beinen Probleme damit hatte, Anschluss zu halten, und ich, verzweifelt gegen die Menschenmassen und ihren unglaublichen Gestank ankämpfend, hinterdrein. Nur einmal blieb er kurz stehen, wohl weniger, um auf mich zu warten, als eher, um sich selbst zu orientieren und einen Überblick zu verschaffen. Denn wir befanden uns auf dem oberen Absatz einer steilen Treppe und in einer Gegend der Stadt, in der die Menschen nicht ganz so sehr in dichten Trauben unterwegs waren. Ich war froh über die kurze Verschnaufpause nach dem Aufstieg über jene Treppe, die ganz sicher nicht für Zwergenbeine gemacht worden war. Während sich Áki umsah, blickte ich nach unten. Und erkannte gerade noch eine Gestalt, die in einer raschen, plötzlichen Bewegung in einen schmalen Durchgang zwischenzwei hohen Häusern schlüpfte. Es mochte Zufall sein, dass diese Person das gerade in dem Augenblick tat, als ich ihr gewahr wurde, aber mir erschien es, als hätte dieses Verhalten nur das Ziel gehabt, sich meinen Blicken zu entziehen.
"Áki", sagte ich, während ich weiterhin jenen schmalen Durchgang im Auge behielt, "ich glaube, wir werden verfolgt."
Der Junge sah ebenfalls in die Gasse, die sich vom unteren Ende der Treppe gut hundert Zwergenschritte auf den nächsten Platz zu hinzog.
"Ich kann nichts erkennen", sagte er.
"Kein Wunder", gab ich zurück, "denn der oder die Verfolger bemühen sich offensichtlich darum, von uns unbemerkt zu bleiben."
"Aber du hast sie gesehen?", fragte er. Ein leichtes Grinsen durchzog sein Gesicht.
"Ich bin ein erfahrener Krieger! Mein Blick ist geschult in solchen Dinge!"
"Ja, das hast du schon öfters behauptet: Dass du ein Krieger bist. Aber wenn ich dich so ansehe, fällt es mir jedesmal schwer, das zu glauben."
"Es gibt genug mächtige Krieger, die einst deine Skepsis teilten. Viele von ihnen können sich heute ohne der Hilfe von stabilen Gehstöcken nicht vorwärts bewegen."
"Aber wer sollte uns verfolgen? Ich selbst kenne nicht viele Menschen in Erzburg und du überhaupt niemanden. Und ich bezweifle, dass irgendjemand über unseren Auftrag Bescheid weiß. Es könnten höchstens Strassenräuber sein, die in uns eine leichte Beute erkennen."
"Dann müsste ich sie allerdings enttäuschen", sagte ich und streifte die lederne Schutzkappe, die über die Schneide meiner Axt gestüpt war, herab.
Ich starrte noch eine Weile in die Gasse, aber es tat sich nichts in dem Schatten des schmalen Durchgangs.
"Gehen wir weiter", sagte Áki ungeduldig, "es ist nicht mehr weit."
Wir setzten unseren Weg fort. Und auch, wenn ich mich einige Male umsah und ab jetzt in jeden dunklen Winkel schaute, konnte ich doch niemanden erkennen. Dennoch wurde ich das unbestimmte Gefühl nicht los, dass jemand hinter uns her war.
Das Haus des Aethelstan war für einen Mann, der den Ruf hatte, der schlaueste Mann in der ganzen Stadt zu sein, recht klein und unscheinbar. Offensichtlich zahlte sich Weisheit in der Welt der Menschen nicht aus. Als wir anklopften, öffnete sich die Tür eine handbreit. Der Kopf einer Frau mittleren Alters mit einem mürrischen Gesichtsausdruck schob sich in diesen Spalt.
"Was wollt ihr?", murmelte sie mit gereizter Stimme.
"Wir möchten den weisen Aethelstan sprechen", sagte Áki, "wir haben wichtige Fragen, von denen wir glauben, dass sie uns nur er beantworten kann."
"Hmm", brummelte die Frau nachdenklich. Dann sah sie mich an.
"Was ist denn das für einer?", fragte sie, an Áki gewandt.
"Ein Mensch von kleinem Wuchs", sagte er, "eine Laune der Natur."
"Aha", gab die Frau zurück. Sie machte keine Anstalten, die Tür zu öffnen.
Sie besah sich jetzt den jungen Áki genauer.
"Dich kenne ich doch von irgendwo her?" fragte sie.
"Ich bin Áki von Grünthal, Sohn des freien Herren und Dienstmannes des Herzogs, Agnar von Grünthal. Ich habe den weisen Aethelstan schon häufiger in Begleitung meines Vaters besucht."
Es dauerte noch einige Momente, in denen die Frau den Jungen mit strengem Blick von oben bis unten musterte.
"Wenn ihr Fragen an Aethelstan habt: Seid Ihr euch ganz sicher, dass es keine dummen Fragen sind?"
Áki schien zunächst etwas verblüfft zu sein, antwortete aber dann.
"Es sind Fragen, von denen wir glauben, dass sie nur der große Aethelstan in seiner unermesslichen Weisheit beantworten kann."
"Also keine dummen Fragen? Die Menschen kommen viel zu oft mit wirklich dummen Fragen zu ihm."
Sie musterte uns beide nochmals intensiv. Dann schien sie sich zu einer Entscheidung durchgerungen zu haben.
"Na gut", sagte sie, "wartet!"
Sie schloss die Tür.
Wir warteten.
"Eine merkwürdige Frau", sagte ich.
"Findest du? Das ist Málfeta. Sie ist die Haushälterin von Aethelstan. Und nebenbei - so sagt man - eine ausgezeichnete Astronomin und erstklassige Mathematikerin. Sie kann sehr gut mit Zahlen umgehen und kennt die Gestirne genauestens. Für Menschen hat sie eher weniger übrig. Auch nicht, wenn sie durch gewisse Merkmale hervorstechen, zum Beispiel durch ihren Wuchs."
Áki ließ selten eine Gelegenheit aus, Witze über meine Körpergrösse zu machen. Und wie so häufig musste ich mein Bedürfnis zähmen, die seinige mittels meiner Axt ein wenig anzugleichen.
Dann öffnete sich die Tür und Málfeta ließ uns ein. Wir betraten das Haus. Wie schon von außen zu erkennen war, war es nicht sehr geräumig. Genau genommen schien es wohl aus nicht mehr als einem einzigen Zimmer zu bestehen. Über die ganze linke Wand zogen sich grob gezimmerte Regale, auf denen sich Schriftrollen und dicke Bücher stapelten, während die Wand zu unseren Rechten in erster Linie von einem großen Kamin eingenommen wurde. Ein kleines Feuer aus wenigen Holzscheiten brannte. Darüber hing ein schwerer Kessel an einer vom Ruß geschwärzten Eisenkette. Eine Art Eintopf brodelte darin vor sich hin. Der Geruch von Bohnen, Kohl und Kräutern durchzog den ganzen Raum. Daneben hatte sich Málfeta niedergelassen, sie saß auf einem Hocker und las in einem dünnen Büchlein und schien sämtliches Interesse an uns verloren zu haben. Zu beiden Seiten des Kamins befanden sich schmale Bänke, die in den kalten Monaten vermutlich als Schlafstätte dienten, jetzt aber von wenigen Küchenutensilien und abermals vielen Büchern und Schriftrollen bedeckt waren. In einer Ecke des Zimmers führte eine steile Treppe - eigentlich eher eine Leiter - zu einer Luke in der Decke. Vermutlich hatten Aethelstan und wohl auch die Haushälterin dort auf dem Dachboden ihre eigentlichen Schlafräume. In der Mitte des Raumes befanden sich zwei große Tische, auch sie großteils bedeckt von Bögen von Pergament und Papier, von Schreibfedern, Tintenfässern, Kohlestifte und Lineale aus Holz. Her wurde ganz offensichtlich nicht nur altes Wissen gesammelt, es entstand auch neues. Dazwischen standen völlig ungeordnet einige Stühle und Hocker. In der der Eingangstür gegenüber liegenden Wand des Zimmers war ein Fenster mit großen, gelb getönten Butzenscheiben eingelassen. An diesem Fenster, den Rücken uns zu gekehrt, stand ein Mann von einer für einen Menschen beeindruckenden Statur. Er stand aufrecht, so dass sein Kopf fast die Deckenbalken des niedrigen Zimmers berührten und hatte die schlanken Hände hinter seinem Rücken verschränkt. Seine Haare waren lang, von dem leuchtendem Weiß des Sonnenlichts an einem Mittag im Sommer, und mit einem einfachen Stoffstreifen zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er trug eine Art Kutte, ebenfalls aus einem einfachen, braunen Stoff, mit einem Hanfseil in der Mitte gegürtet. Für einen Menschen sah er äußerst ungewöhnlich aus. Zu ungewöhnlich! Mein Argwohn war geweckt.
Dieser schlanke, gerade Wuchs, die weißen Haare...
Der Mann drehte sich zu uns um, ein freundliches Lächeln durchzog sein Gesicht. Ein Gesicht, dass nur fast menschlich wirkte. Es war zu schmal, die Augen zu hell...die Ohren waren zwar überwiegend von den dichten weißen Haaren bedeckt, aber sie machten den Eindruck, als würden sie nach oben hin spitz zulaufen...
Der Fremde entdeckte mich. Die joviale Freundlichkeit wich einem Ausdruck der Überraschung.
Ich packte meine Axt unterhalb der Schneide und zog sie aus den Gürtel.
Ein Elf! Dieser Aethelstan war nichts anderes als ein Elf! Ein Vertreter jenes Volkes, dass Archaika in eine Welt verwandelt hatte, in der die Geister ganzer Albenvölker ihre Klagelieder in den Wind wispern.
Ich stand in diesem Zimmer, die Axt fest im Griff, bereit, diesen Elfen auf der Stelle anzugreifen, egal, wie meine Chancen standen.
"Was soll das?", rief Áki mit scharfer Stimme.
Aethelstan rührte sich nicht. Er betrachtete mich nach wie vor mit einem eher verblüfften als feindseligen Blick. Er trug keine Waffe, nicht einmal ein Messer, an seinem Strickgürtel. Das hatte natürlich nicht viel zu heißen, Elfen konnten allein mit der Kraft ihrer Magie töten und sie hatten diese Möglichkeit in den Albenkriegen oft genug und frei von jeden Skrupeln eingesetzt. Aber dennoch war da etwas, was mich davon abhielt, direkt auf Aethelstan loszugehen. Natürlich war er ein Elf, ein Feind. Aber dennoch war da etwas...etwas, das ihn von allen Elfen unterschied, denen ich jemals begegnet war...etwas Menschliches.
Es dauerte einige Augenblicke, bis es mir klar wurde: Da war etwas mit seinem Gesicht. Natürlich war es schmal, blass, mit den schräg gestellten Augen, der kleinen Nase, der nach vorne gewölbten Stirn, das typische Gesicht eines Elfen. Aber da waren auch Falten in Augenwinkeln und auf denWangen, unter seinen hellen Augen befanden sich Ringe, der Haaransatz war höher, als ich es bisher von Vertretern dieses Volkes kannte. Dieser Elf war alt!
Aber Elfen waren unsterbliche Wesen! Weswegen sie auch - anders als die Menschen - nicht alterten. Vielleicht hatte ich mich getäuscht, Aethelstan war eine Laune der Natur, ein Mensch, der zufällig so aussah wie ein Elf.
Ich schob meine Waffe langsam wieder zurück in den Gürtel.
Áki sah mich wütend an, Aethelstan eher mit einer Mischung aus Neugierde und höchster Aufmerksamkeit.
"Wer seid Ihr", fragte ich, "und was seid Ihr?"
"Aethelstan, der Weise", sagte er in fröhlichem Plauderton, "ich dachte, das wäre Euch bekannt und auch der Grund, weswegen Euch der Weg zu mir geführt hat. Ich bin ein Mann der Wissenschaft, ein Gelehrter, und Menschen aus einem Umkreis von hunderten von Meilen kommen zu mir, um Rat einzuholen."
Er setzte sich an den Tisch und gab uns mit einer Geste zu verstehen, es ihm gleich zu tun.
"Und ich berate die Menschen mit Freude", fuhr er fort und lächelte, "es ist also keine Drohung mit Waffen notwendig, auch wenn es sich um ein so ausgezeichnet gearbeitetes Stück handelt wie Eure Axt. Ich nehme an, ihr habt sie selbst geschmiedet?"
"Nun, unter der Anleitung eines guten Schmiedes, so, wie es bei meinem Volk üblich ist", sagte ich. Ich zog mir einen hohen Hocker heran und setzte mich ebenfalls.
"Dann würde ich mich später gerne einmal mit Euch über Euer Volk unterhalten. Ich bin ein begeisterter Erforscher der unterschiedlichen Bräuche der Völker dieser Welt. Aber zunächst sollten wir uns mit der Frage beschäftigen, weswegen Ihr zu mir gekommen seid."
Er wandte seinen Blick an Áki, der sich ebenfalls gesetzt hatte, aber mir weiterhin wütende Seitenblicke zuwarf.
"Ja", begann dieser mit zögerlicher Stimme, "es mag sich für Euch vielleicht ein wenig merkwürdig anhören..."
"Ich liebe Fragen, die sich merkwürdig anhören. Es sind zumeist die Interessantesten."
"Nun", fuhr Áki fort, "wir suchen den Aufenthaltsort des Engels des Todes."
Es hörte sich tatsächlich äußerst merkwürdig an. Ich hatte die Befürchtung, dass Aethelstan lachen würde. Doch er blieb ernst. Er blickte erst Áki, dann mich mit einem nachdenklichen Blick an.
"Der Engel des Todes", murmelte er mit leiser Stimme vor sich hin, "Der magische Wald. Azrael."
Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, seine hellen Augen blickten ins Leere. Eine ganze Weile saß er so, regungslos und schweigend, die Augen auf einen unbestimmten Punkt über der Eingangstür gerichtet.
Dann beugte er sich wieder ein wenig nach vorne, sein Blick fixierte Áki.
"Nun, ich muss Euch sagen: Ich weiß nicht, wo sich Azrael aufhält. Ich weiß auch nicht, ob es den berühmten Wald des Todesengels überhaupt gibt."
Die Enttäuschung stand Áki regelrecht in sein junges Gesicht geschrieben.
"Wenn selbst Ihr es nicht wißt..."
"Nun, ich weiß vielleicht nicht, wo der Ort, den Ihr sucht, ist. Aber ich bin ein weitgereister Mann und weiß vermutlich besser als jeder andere, wo er ganz sicher nicht zu finden ist. Wartet!"
Er stand auf und ging zu dem großen Regal an der Wand. Trotz des scheinbaren Chaos, das dort herrschte, brauchte er nur wenige Augenblicke, um zielsicher nach einer großen Pergamentrolle zu greifen. Er trug sie an den Tisch. Die Utensilien der Forschung, die dort verstreut lagen, schob er mit dem Unterarm an den Rand, dann rollte er das Pergament aus und beschwerte es an den Ecken mit Tintenfässern und einer Teetasse.
Wir blickten auf eine große Landkarte. Sie zeigte eine Insel - oder eher einen Kontinent - von der ungefähren Form eines Eis, wobei der spitze Teil am unteren Ende der Landmasse zu liegen schien. Umgeben war dieser Kontinent von einem einzigen, durch blaue wellenförmige Striche gekennzeichneten Ozean, in dem an manchen Stellen zumeist winzige, vereinzelt aber auch deutlich größere, Inseln lagen. In einer Ecke war eine Windrose gemalt, wie ich sie sowohl von der Form als auch von der Ausrichtung her auch von den Landkarten Archaikas kannte. Diese Übereinstimmung war im Übrigen doch sehr erstaunlich. In meiner Heimat war die Landkartenmalerei eine Kunst, die vor allem von den Elfen gepflegt wurde. Zwerge hatten wenig für solcherlei Hilfsmittel übrig, wer es über Jahrtausende hinweg gewohnt ist, sich in hunderte von Meilen langen, weitverzweigten, dunklen, gleichförmigen Minengängen zurecht zu finden, braucht keine Pergamente, die ihm sagten, wo er sich gerade befand. Zumal diese auch nur dann wirklich sinnvoll waren, wenn man über die Himmelsrichtungen orientiert war, also den augenblicklichen Stand der Sonne oder den der nächtlichen Sternenkonstellationen wusste, was untertage natürlich nur schwerlich zu eruieren war.
"Das ist die Welt, wie wir sie kennen", sagte Aethelstan.
Er deutete mit seinem Zeigefinger auf einen Punkt, der ziemlich weit im Süden dieses Kontinents lag. Dort war ein kleiner Kreis zu sehen, daneben war in winzigen, mir unbekannten Lettern etwas geschrieben.
"Hier ist Erzburg."
Áki starrte auf die Stelle, die der Gelehrte mit seinem Finger markierte.
"Und wo ist Grünthal?", fragte er.
"Oh, ich befürchte, dieser Ort ist ein wenig zu klein, um in einer Weltkarte Berücksichtigung zu finden. Ich würde sagen..." er bewegte seinen Zeigefinger kaum merklich in südwestliche Richtung, "...Grünthal befindet sich ungefähr hier."
Áki starrte mit großen Augen auf Aethelstans Finger. Es war deutlich zu erkennen, wie ihm sehr plötzlich klar wurde, wie groß diese seine Welt tatsächlich sein musste.
Der Gelehrten deutete nun auf eine blaue, das Ei ziemlich genau in der Mitte ab Erzburg von Süden nach Norden durchschneidende, Linie.
"Das ist der Daron. Man nennt ihn auch den Großen Strom. Seine Quellen entspringen hier in den Bergen."
Sein Finger fuhr nun den Windungen des immer breiter werdenden Flusses entlang nach Norden. Er deutete auf große Kreise, die auf der Karte eingezeichnet und mit jenen fremdartigen Schriftzeichen versehen waren.
"Die größten Städte des Kontinents - allesamt stolze und mächtige Stadtstaaten - liegen an den Ufern des Daron", fuhr Aethelstan fort, "östlich davon, in den Hügelländern, befinden sich die konkurrierenden Königreiche, zumeist kleine Länder mit unbedeutenden, aber gut befestigten Hauptstädten. Sie liegen häufig miteinander im Krieg, zumeist geht es um rohstoffreiche Territorien, von denen zwei oder noch mehr jener streitsüchtigen Herrscher behaupten, dass diese rechtmäßig zu ihrem Besitz gehören, mitunter sind es auch Erbstreitigkeiten, die mit dem Schwert ausgefochten werden oder sie ziehen einfach nur in die Schlacht, weil sich der eine König von dem anderen beleidigt fühlt, weil dieser bei einem Bankett zuviel getrunken und während einer Rede seines Konkurrenten einige Male gerülpst hatte. Diese Länder werden bei ihren Auseinandersetzungen von den reichen Stadtstaaten am Fluß finanziell unterstützt, wobei diese darauf achten, dass keiner dieser Herrscher in den Hügelländern zu mächtig wird. Im Norden, dort, wo der Strom ein großes Gebirge durchbricht und im Meer mündet, ist der Kontinent am dichtesten besiedelt. Daß Klima ist dort sehr angenehm, die Felder und Gärten bieten reichhaltig Nahrung. Die Menschen in diesem Teil der Welt sind im Allgemeinen sehr friedlicher Natur, sie leben zumeist in kleinen Republiken. Westlich des Mittellaufes des Daron, im Hinterland der Stadtstaaten, ziehen sich die Ebenen Kyarus hin, flaches Grasland, von kleinen Flüssen und großen Seen durchzogen."
Er deutete auf einen Teil der Karte, auf dem keinerlei Schriftzeichen zu sehen waren. Offenbar gab es keine Städte in den Ebenen Kyarus.
"Dies ist die Heimat der Nomaden, eines mürrischen, äußerst wortkargen Menschenschlages.Wir wissen wenig von diesen Ländern. Aber noch weniger wissen wir davon."
Sein Finger fuhr an den westlichen Rand der großen Landmasse auf der Karte. Einige gezackte Striche gaben einen Hinweis darauf, dass dort ein Gebirge sein musste, aber sie waren nicht so sorgfältig ausgeführt wie bei der Darstellung der Berge hier um Erzburg herum, ganz so, als wollte sich der Kartenmacher nicht so richtig darauf festlegen lassen, wie dieser Teil der Welt auszusehen hatte.
"Manche sagen, es ist ein riesiger, undurchdringlicher Wald. Andere behaupten, dass sich in seinem Zentrum ein Sumpf befindet, aber niemand, nicht einmal die Nomaden der Ebenen, haben sich jemals hinein begeben. Es gibt Sagen, dass sich dort gräßliche Monster befinden, andere sagen, dass dieser Wald der Eingang zur Hölle ist."
"Hölle?" fragte ich.
"Du weißt nicht, was die Hölle ist?" Áki schien erstaunt zu sein.
"Dort, wo ich herkomme, gibt es diesen Begriff nicht."
"Nun", sagte der Junge und grinste, "ich schätze, du brauchst dir keine Sorgen über deine Unwissenheit machen. Ich bin sicher, du wirst die Hölle noch kennenlernen."
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