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6
von SarahCalottaMinz
(veröffentlicht am 27.05.2006)
Auch seine Augen weiteten sich, als er mich sah, er lächelte gezwungen und brachte ein krächziges Hallo über die Lippen. Ich erwiderte sein Hallo und musterte ihn eine Weile, bis ich zu ihm sagte: "Du arbeitest ja hier" "Ja, ähm, erwischt." "Was ist mit deinem Studium, wie läuft es, ich beneide dich ja so darum, Filmwissenschaften" Ich begann mit dem Schwärmen und stellte mir vor, wie es wohl für mich wäre Filmwissenschaften zu studieren. Ein Hobby als Beruf auszuüben, wäre ein Segen für jeden Menschen. Ich habe Angst, später mal mit Kotzen an die Arbeit gehen zu müssen. Meine Gedanken wurden abrupt unterbrochen: "Ich wurde nicht angenommen," sagte er knapp und tippte etwas in den Computer. "Möchtest du nun eine Eintrittskarte?" "Äh ja," antwortete ich verwundert. "Das macht dann 6 Euro" Ich gab ihm das Geld und er sagte: "Viel Spaß" und widmete sich wieder dem Computer. Ich schaute ihn kurz an, wollte noch was sagen, bis ich bemerkte, dass er nicht aufschaute, sondern nur weiter tippte. Ich erhob meinen Zeigefinger, mit der Absicht, meinen Schweinehund zu überwinden und ihn zu fragen, warum er sich so benahm, da blickte er auf, ohne zu lächeln und fragte: "Ist noch was?" Ich schüttelte langsam den Kopf, drehte mich um und ging durch das Museum und blieb am Fernseher im dritten Saal kleben und schaute Metropolis. Nach etwa 2 Stunden war der Film zu Ende, ich stand auf und da sah ich Victor, der in den Saal kam und direkt auf mich zusteuerte. Er guckte mich nicht an, sondern schob mich nur zur Seite und fummelte ewig lange am Fernseher rum. Ich ließ mich wieder auf den Sitz fallen, um zu warten, ob er vielleicht irgendetwas sagen würde. Aber er sagte nichts. Ich stand langsam auf und drehte mich um. Langsam verließ ich Saal 3, durchstreifte Marlenes und Romys Leben, erblickte dann Matrixfiguren, die mich aber nicht sonderlich interessierten, denn ich hatte ja alles schon mal gesehen. Ohne auf Lola und Kevin Bacon zu achten verließ ich den letzten Saal, langsam kullerten mir Tränen über die Wangen. Ich versuchte sie zu unterdrücken, als ich die große Marlene Dietrich Figur passierte. Ich öffnete die Tür und Wind wehte mir ins Gesicht. Ich schaute auf meine Uhr und bemerkte, dass mein Zug in etwa 20 Minuten fahren müsste, also ging ich wieder zurück zum Bahnhof. Ich schlenderte durch die Gassen, schaute in die Schaufenster, ohne das es mich besonders interessieren würde. In der Bahnhofshalle machte ich wieder den gleichen Fehler wie schon bei der Hinfahrt, ich kaufte eine heiße Schokolade. Auch sie war scheußlich. Die Zugfahrt war ziemlich unspektakulär, bis auf eine Begegnung, die schon einmal vorkam, ich hatte sie fast verdrängt. "Du solltest wieder mehr lachen." Ich wunderte mich, wer das gesagt haben könnte, da sah ich sie, Ferhild, die kleine lila Elfe. Ich war, wie schon bei unserer ersten Begegnung sehr baff, aber diesmal hatte ich keine Lust auf eine Begegnung dieser Art: "Verpiss dich, Ferhild." Sie äußerte 2 Worte: "Sei glücklich." Ich fragte etwas lauter: "Und wie zur Hölle soll ich das anstellen? Ich bin nicht fürs Glück gemacht, das heute war doch wieder der perfekte Beweis dafür!" "Auch du kannst glücklich sein." Ihre ruhige, freundliche Stimme machte mich nur noch aggressiver: "Lass mich in Ruhe, niemand kann mir helfen, weder du noch sonst jemand" Sie wiederholte mit ihrer monotonen Freundlichkeit: "Auch du kannst glücklich sein." Dann verschwand sie. Ich sagte laut verdammt und warf meine Tasche auf den Boden. Da fragte eine freundliche Stimme von der Seite: "Kann ich ihnen helfen?" Ich brüllte: "Nein, zur Hölle noch mal, niemand kann mir helfen, warum lasst ihr mich nicht alle in Ruhe!" Der Mann drehte sich wieder um und ignorierte meinen Wutanfall und vergrub sich hinter der Bildzeitung! Als der Zug sein Ziel erreichte, rannte ich regelrecht nach hause, wo ich mich in mein Bett schmiss und nur noch heulen konnte. Etwa eine Stunde später klingelte das Telefon, es war Asta. Sie fragte mich nach dem Treffen mit Viktor. Unter Tränen brachte ich lediglich die Worte: "Ist doch alles Scheiße" aus mir raus, dann legte ich auf. Ich musste immer mehr weinen. Es wurde dunkel und dann fing es an zu regnen. Ich setzte mich in meinen Hängesessel und beobachtete den Regen. Den Regen mag ich. Er ergibt ein schönes Geräusch und fabriziert auch einen schönen Geruch. Das Prasseln ist beruhigend, man kann sich darin verlieren und all den Scheiß vom Tag vergessen. Ich habe mich schon oft gefragt, ob der Regen eine Art Erlöser darstellt, einen Neuanfang. Alles wird reingewaschen, sauber, schmutzige Flecken der Vergangenheit verschwinden einfach und man kann wieder bei null anfangen. Ich fühl mich danach immer so gut, so rein. Wahrscheinlich ist Victor auch nur so ein Fleck, der jetzt weggespült wird. Dieser Gedanke beruhigt mich etwas und ich fühle mich deutlich besser. Ja, sagte ich zu mir. Der kann dir doch gestohlen bleiben, ist nur einer von drei Milliarden Kerlen auf der Welt und außerdem, was will ich eigentlich von Jungs? Ich hab doch im Moment soviel eigenen Kram zu erledigen, dass diese Welt mir, zur Zeit wenigstens, fern bleiben sollte. So beschloss ich, fürs erste, mich von Jungs wieder zu distanzieren und mich, egoistisch wie ich bin, um mich selbst zu kümmern. Ich fing damit an, indem ich Asta anrief, um mich bei ihr zu entschuldigen und ihr die ganze Story zu erzählen. Sie sagte immer, wie traurig sie das fand und wie leid ich ihr täte. Am Ende meiner Ausführungen berichtete sie mir, das Linnart, der Gute, nun mittlerweile acht mal bei ihr angerufen hat, um sich zu erkundigen, was mit mir los sei. Ich beschloss später gleich bei ihm durchzuklingeln. Am Freitag ging ich nicht in die Schule, mir war einfach nicht danach. Ich wollte mich nicht mit dem Verhalten des Stichlinges berieseln lassen, auch wenn ich eine tolle Biolehrerin habe, aus diesem Grund blieb ich einfach daheim. Es war ein toller Tag. Ich konnte lange schlafen, malen, Klavier spielen, Filme gucken und einfach nur den ganzen Tag das tun, was ich will. Am Abend rief Linnart mich dann an und mir fiel wieder ein, dass ich ihn ja eigentlich anrufen wollte, das dann aber in meiner Schusseligkeit vergessen hatte. Er fragte, wie es mir gehe, was nun mit Victor sei und dem ganzen Kram, den ich auch schon mit Asta besprochen hatte, hätte er doch sie gefragt, ihr Gedächtnis ist wesentlich besser als meines. Naja, also wiederholte ich eben noch einmal die Victorstory, in der Hoffnung, dass es nun das letzte mal gewesen sei. Linnart sagte ständig, dass Männer Schweine seien und alle Frauen doch lesbisch werden sollten. Dann dachte er noch kurz nach, schaute nach oben, schüttelte den Kopf und sagte: "Neeee" Anschließend versuchten wir dann Lösungen und vor allem Gründe für Victors Verhalten zu finden. Uns fielen einige Möglichkeiten ein. Zum Einen, kann es doch möglich sein, dass er mich einfach nur nicht mehr erkannt hat. Daraufhin entgegnete ich ihr, dass unser erstes Treffen noch gar nicht so lange her sei, deshalb diese Möglichkeit auszuschließen sei. Eine weitere, für mich sehr einleuchtende Variante war die, dass er sich geschämt hat. Da er ja erst erzählte er studiere Filmwissenschaften, dann stellte sich doch heraus, dass er nicht angenommen wurde und weil er mir nicht mehr in die Augen gucken konnte, hat er lieber so getan, als kenne er mich nicht.
Tja und eben diese Möglichkeit bewahrheitete sich, als ich vier Tage später im Filmmuseum anrief und zufällig Victor ans Telefon ging. Anfangs war er sehr ruhig und hörte mehr zu, als das er sprach. Aber dann erzählte er mir alles, dass er Eindruck schinden wollte und das er sich dann so geschämt habe, für seine Lügerei und dafür, dass er nicht das ist, was er gern sein würde. Dann klärte ich ihn auf, dass in unserem Alter doch fast niemand (außer vielleicht den Olsen Twins) zufrieden damit ist, was er ist und was er bisher geleistet habe und das alles eine Frage der Zeit sei. Anschließend versicherte ich ihm, dass er immer noch Filmwissenschaften studieren könne, wenn er nur ein bisschen Zeit investieren kann und bis dahin ist es doch klasse in einem Filmmuseum zu arbeiten. Er freute sich und fragte noch, ob mir uns eine weitere Verabredung zutrauen würden. Ich war ganz begeistert und stimmte zu. Diesmal aber fester Tag und feste Zeit. Diesmal in meiner Stadt am kommenden Samstag um 14:00 Uhr am Bahnhofseingang (es gibt Gott sei dank nur einen). Heute ist dementsprechend Dienstag, also noch geschlagene vier Tage.
*
Ich wagte mich wieder in die Schule, obwohl ich sie immer noch von Grund auf verachtete. Ich habe ein seltsames Ritual beim männlichen Part meiner Generation beobachtet. Es gibt eine Art Messias, zwischen den pubertierenden Jungs. Er sieht nicht gut aus, ist menschlich gesehen vollkommen daneben und hat auch sonst nichts in der Birne. Aber alle Jungs scheinen ihn anzuhimmeln, sie haben aus seinem klassischen Nachnahmen Wagner, ein idiotischen Laut kreiert: Wagi! Und immer wenn er den Raum betritt oder auf den Schulhof stolziert, werden diese vier Buchstaben laut gebrüllt: "Waaagi!" und alle freuen sich darüber. Es ist faszinierend, wenn man sich die Zeit nimmt und dieses ritualisierte Verhalten eine Weile beobachtet, stellt man fest, dass Männer anscheinend immer noch in Höhlen gehörten. Dort könnten sie ihren Rudelführer anhimmeln, ohne dass andere Leute skeptisch werden. Ich für meinen Teil kann diesen "Wagi" nicht ausstehen.
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Nachts kommt die Flucht
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