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4
von SarahCalottaMinz
(veröffentlicht am 27.05.2006)
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Vorfreude doch wirklich die schönste Freude ist, sie ist das Beste an Weihnachten, Geburtstag etc. Ich wollte mir schon ewig einen DVD – Player kaufen, irgendwann hatte ich dann tatsächlich das nötige Geld dafür zusammengespart (eigentlich bin ich der schlechteste Sparer, den es gibt), jedenfalls habe ich mich 2 ½ Wochen vorher schon auf den Player gefreut und ich dachte, wenn ich den DVD Player in meinen Händen halte, dann angeschlossen habe und mir die erste DVD darauf anschaue, ist alles vollkommen.
Tja, Fehlanzeige, ich hab die erste DVD geschaut, aber es war so, als ob es nie anders gewesen ist, kein riesiges Glücksgefühl.
Später habe ich mir einen MP3 – Player zum Geburtstag gewünscht, viele Wochen vorher konnte ich den Moment nicht abwarten mir die Stöpsel in die Ohren zu stecken und endlich Musik aus so einem Ding zu hören. Es ist immer noch toll, aber dieses Gefühl, was ich hatte, als ich mich auf dieses Ding freute, war wesentlich größer, als das Gefühl, dass ich hatte, als ich mir die Stöpsel in die Ohren steckte. Der Weg ist das Ziel, der Weg ist das Glück.
*
Ich habe mich an einem der nächsten Tage, mit Linnart getroffen, er kam, wie immer, zu spät. Wir setzten uns auf den höchsten Punkt der Stadt, ein Bürogebäude, eigentlich durfte man nicht rauf, aber ich habe Möglichkeiten. Wir legten uns mit Decken auf den Boden, hörten Tomte und so nach einer halben Stunde fragte ich ihn, was er machen würde, wenn ich jetzt einfach mal so, vom Dach springen würde, er antwortete, dass ich das sowieso nicht mache. „Wollen wir wetten?“, fragte ich ihn „Wie denn, wenn du unten angekommen bist, kannst du deinen Gewinn eh nicht mehr einlösen!, entgegnete er , So oder so, wäre es für uns beide kein Gewinn, er brach ab, dachte kurz nach und beendete seine Ausführung wie folgt, es sei denn der Einsatz stimmt, ich hab ja nichts zu verlieren.“ Er ergänzte noch: „Bis auf dich, natürlich.“ Er grinste und ich stellte mich an den Rand der Abgrenzung, breitete die Arme aus und schloss die Augen.
Ich bin natürlich nicht gesprungen, ich konnte gar nicht, er kam angerannt, presste mich fest an sich und machte einen Schritt zurück. Er drehte mich zu sich und sagte: „Mach das nie wieder!“ „Nein,“ ich versuchte zu lächeln und er ließ mich los. Wir legten uns wieder auf die Decken und starrten in den Himmel. Wir formten aus den Wolken Figuren: „Siehst du die große Karotte, in der ein Löffel steckt?“ Es war ein schöner Nachmittag.
Den Abend verbrachte ich allein zu hause, ich schaute mir einen Film an, es war nett. Nach zwei Stunden ging ich ins Bett, ich wusste ja, dass ich erst mal nicht einschlafen werde. So war es auch wieder, es dauerte ca. 2 ½ Stunden, in der Zeit überlegte ich, wem es etwas bedeutet hätte, wenn ich gesprungen wäre, wer hätte an meinem Grab gestanden und echte Trauer gezeigt? Ich denke wenige wären gekommen, mir bedeuten wenige etwas und andersrum ist das wohl auch der Fall. Es ist eigentlich ganz schön deprimierend, diese Gewissheit zu haben, eine Bekannte hat mal zu mir gesagt, dass ich untragbar für alle Menschen in meiner Umgebung sei. Ich könnte mit meinen Makeln ein ganzes Buch füllen. Sie hat sie sogar aufgezählt: launisch, zickig, nicht hören, wenn andere etwas sagen, egoistisch, arrogant usw., irgendwann hab ich dann nicht mehr zugehört, sondern mich auf andere Dinge konzentriert.
Wie auf einen großen grellblauen Fleck auf ihrer Jacke, ich frage mich ernsthaft, wie der da hingekommen zu sein scheint. Vielleicht ist es Zahnpasta, oder Tinte, die versucht wurde, weggekillert zu werden. Leider ohne Erfolg.
„Hörst du noch zu?“, wurde ich von ihr gefragt. „Äh, nee.“ Sie war total entsetzt und glotzte mich etwa 20 Sekunden mit offenem Mund an, bis sie verschwand.
Wie auch immer, das ist ja nun schon eine ganze Weile her und seither habe ich kein Wort mehr mit ihr gewechselt. Sie kann ich dann wohl nicht auf meiner Beerdigung erwarten.
Ich bin dann doch eingeschlafen, bis irgendwann, mitten in der Nacht, das Telefon klingelte, verschlafen versuchte ich aus zu machen, wo sich das blöde Ding befand. Nach viermaligem Klingeln sah ich es und ging ran: „Hallo?“ „Du musst ganz schnell zum höchsten Gebäude der Stadt kommen, er will springen.“ Ich war sofort hellwach. „Was, wer?“ „Er sagt du wüsstest schon wer und diesmal sollst du ihn retten.“ „Halt ihn auf, ich beeil mich.“ Ich legte auf, zog mir Hose und Jacke an, schnappte mir Mamas Autoschlüssel und fuhr los.
*
Nach einer 15 minütigen Fahrt kam ich an, rannte ins Gebäude, fuhr die 24 Etagen mit dem Fahrstuhl, es war die längste Fahrstuhlfahrt meines Lebens, stürmte die Treppe hoch und erreichte die Tür nach draußen.
Linnart stand mit ausgebreiteten Armen am Rand des Gebäudes und blickte sich um, als ich durch die Tür stürmte. „Ich wusste, dass du kommst.“ Er schaute mich eine Weile an, warf einen kurzen Blick auf Asta, guckte mich noch mal an, versuchte zu lächeln, ich rief: „Nein, dann spring ich auch!“ Ich guckte ihn entschlossen an, Asta stand auf: „Ich auch!“ Er war sichtlich verwirrt. „Nein!“ „Wir haben sicherlich genauso wie du einen Grund zu springen!“ Er schaute lange nach unten, drehte sich zu mir und kam auf mich zu. Er drückte mich und deutete Asta an, sie solle kommen um uns auch in den Arm zu nehmen. Ihr kullerten Tränen über die Wangen: „Was war das für ein Scheißspiel?“, sie ließ uns los und verließ das Dach.
Das Schlimme war, dass es kein Spiel war, ich habe nie herausgefunden, warum er das tat. Jede Frage wurde abgewiesen: „...aber du hast mich gerettet.“, war das einzige was er dazu sagte.
Ich habe noch eine Weile darüber nachgedacht, vielleicht habe ich ihn mit meiner “vom Dach springen Aktion“ zum Nachdenken angeregt, oder er wollte sehen, ob ich mitten in der Nacht kommen würde, um ihn zu retten, die schlimmste Frage die mir kam, war, was passiert wäre, wenn ich nicht gekommen wäre. Auf diese Frage antwortete er mir auch immer das Gleiche: „...das weißt du doch.“ Nein, ich wusste es nicht. Ich kenne ihn doch überhaupt nicht. Ehrlich gesagt, hat es mich auch nie besonders interessiert. Ich sollte das ändern.
Etwa fünf Jahre nach dieser Aktion habe ich ihn, ich glaube zum achtzigsten Mal gefragt, was das eigentlich für eine Bedeutung hatte, er sagte ganz banal, dass er lediglich gucken wollte, ob ich auch komme. Ich war entsetzt.... oh Moment mal es klingelt an der Tür... der Paketlieferant. Irgend so eine Klamottenbestellung. Ach da fällt mir ja noch was ein...
Ich habe mich seit Ewigkeiten mal wieder zum “Bummeln“ überreden lassen. Ich fand es unglaublich furchtbar, die Menschenmassen, die sich durch die Gänge drückten um das preiswerteste T-Shirt zu ergattern. Bäh, so ein verdammter Riesen - Unsinn. Seine gesamte Energie an einem Samstag in einem Kaufhaus zu verschleudern.
Bei uns war es so: Wir nahmen, natürlich so früh wie möglich, um am Besten schon, bevor die Läden öffnen, da zu sein, einen der ersten Züge in Richtung Großstadt. Ich glaub es war 8 Uhr irgendwas. Ich kam total verschlafen, mit noch halb geschlossenen Augen, am Bahnhof an. Ich wurde erst einmal wie folgt von Linnart, einem Freund, (es ist nicht mein Freund, auch wenn dieser Trugschluss entstehen könnte) begrüßt: „Oh du siehst aber verschlafen aus, wir wollten doch (und da kam es, das Unwort) SHOPPEN!“ In meinem Kopf hallte der Begriff noch eine Weile nach, bis ich begriff: „WAS wollen wir?“ „Na Klamotten kaufen, CDs ein paar Filme oder Bücher,“ antwortete er mir in diesem zufriedenen Tonfall. „Einfach einkaufen, Geld verprassen, es gibt einige wesentlich bessere Beschreibungen für diese Tätigkeit.“
Jedenfalls fuhren wir etwa eine Stunde mit dem Zug, bis uns die Großstadt von allen Seiten umarmte. Linnart war sofort Feuer und Flamme und fühlte sich sichtlich wohl.
Die ersten zwei Stunden verbrachten wir in diesem Laden, bestehend aus zwei Buchstaben, die ich mir leider nicht gemerkt habe. Er hat tausend Sachen anprobiert, ich hab draußen gehockt und musste sagen, ob es gut aussieht oder nicht. Irgendwann habe ich dann nur noch mal Ja mal Nein geantwortet, ohne hinzugucken. Letztendlich kaufte er sich einen Gürtel, den ich nicht mal bewertet hatte (oder doch und ich habe nur nicht hingeschaut?). Er war jedenfalls unglaublich hässlich. Als ich ihm das, vor dem Bezahlen, klarmachen wollte, war er sichtlich verwirrt und meinte, als er mir den zum ersten Mal zeigte, war ich begeistert. „Ja, äh schon, aber ich hab da wohl nicht so genau hingeschaut.“ „Also war es eine Lüge!“ „Na ja, ich hab halt nicht genau geguckt.“ „Aber trotzdem hast du deine Bewertung abgegeben.“ „Linnart“, ich war genervt, „ich sag es dir gern noch mal, aber es ist doch deine Sache, ich muss den Gürtel nicht mögen, dir sollte er gefallen.“ „Warum bist du dann mitgekommen, du bist mir keine Hilfe und selber nach Klamotten guckst du auch nicht?!“ „Keine Ahnung, ich dachte vielleicht entwickelt sich eine Begeisterung, für das SHOPPEN, in mir.“, entgegnete ich. Na ja aber Fehlanzeige, es langweilte mich furchtbar. „Dann geh, du musst ja nicht, wenn es dir echt keinen Spaß macht“ „Echt?“ „Klar, wir treffen und in hmm drei Stunden wieder hier.“ „Danke.“ Er rauschte davon, ich rief ihm noch nach: „Bis nachher dann.“ Aber Linnart war schon in den Menschenmassen verschwunden.
Tja, da stand ich nun und überlegte, was ich nun machen könnte, ich holte mir erst einen Kakao und setzte mich draußen auf eine Bank. Ich schlürfte genüsslich, bis mir ein Gebäude in die Augen stach. In großen Lettern prangte ein Schild darüber: Filmmuseum. Das ist es doch, dachte ich und trank noch den Kakao aus, um mich dann ins Filmmuseum zu begeben. Drinnen saß ich etwa eine halbe Stunde vor einem Fernseher und sah mir “Der blaue Engel“ an, bis sich jemand zu mir setzte, der sich wenig später als Victor vorstellte „Gefällt dir der Film?“, wurde ich von Victor gefragt. „Ist halt ein Klassiker, das hat nichts mit gefallen zu tun.“ „Warum nicht?“, er lächelte. „Na ja, ich denke, jeder würde, bei einem gemütlichen Filmabend, den Film von heute mit Dolby Surround dem alten 30-Jahre Film vorziehen.“ „Würdest du das tun?“ „Um Gottes willen, nein.“ „Dann solltest du nichts verallgemeinern, ich nebenbei auch nicht.“ Wir saßen noch eine gute Stunde vor dem Fernseher, bis der Film endete. „Hast du den Film schon mal gesehen?“, fragte er mich. „Nein, du?“ „Ich gucke ihn fast jedes Mal, wenn ich hier bin.“ „Oh und wie oft bist du hier?“ „Ein bis zweimal die Woche kommt das schon hin.“ „’Tschuldige die Frage, aber hast du nichts anderes zu tun?“, ich musste lachen. „Sagen wir es mal so, es ist meine Pflicht hierher zu kommen.“ Er nickte mehrmals um wahrscheinlich überzeugend zu wirken. „Wieso deine Pflicht?“ „Ich studiere Filmwissenschaften.“ „Wow, deshalb kannst und musst du immer herkommen.“ „Genau.“ „Eine Frage hab ich noch, wie oft läuft hier der blaue Engel, wenn du 2 mal die Woche kommst und den Film fast immer gesehen hast?“ Er musste grinsen: „Drei oder vier Tage in der Woche, denk ich.“ „Und an den anderen Tagen?“ „Metropolis, Fritz Lang.“ „Den wollte ich immer schon mal sehen.“ „Na dann...“ Er wurde von einem Mädchen in einer hautengen weißen Hose unterbrochen: „Victor, können wir dann gehen, ist schon so weit.“ Er stand langsam auf, drehte sich noch mal zu mir und flüsterte: „Wir sehen in Metropolis.“ Er lächelte und ging dann mit dem Mädchen nach draußen. Jetzt saß ich da und das Herz pochte mir bis zum Hals.
Ein paar Minuten später raffte ich mich auf und guckte mir noch den Rest der Ausstellung an, anschließend ging ich zur Information um mich zu erkundigen, wann Metropolis wieder läuft. „Donnerstag“ Heute ist Samstag, also noch fünf Tage.
Ich holte mir noch ein Eis, saß ein bisschen draußen auf der Bank, bis ich auf die Uhr schaute, oh, ich müsste mich beeilen. Ich wunderte mich, dass die drei Stunden schon zu ende waren. Ich eilte zum Geschäft und dort wartete schon Linnart, mit einer kleinen Tüte (Im Inneren der hässliche Gürtel). „Du hast wohl nichts mehr gefunden.“, ich lächelte. „Nein und was hast du die Stunden getrieben?“ „Ich war im Filmmuseum und hab mir den blauen Engel angeguckt.“ Er guckte verwundert: „Von Sternberg, mit Marlene Dietrich in der Hauptrolle.“, ich guckte erwartungsvoll. „Ach klar, ja genau Sternburg.“ „Ja Linnart genau der.“ Danach sind wir noch einen Kakao trinken gegangen, bis wir schließlich wieder nach hause fuhren und hatte ich seit langem mal wieder einen Grund zur Freude. Victor.
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Nachts kommt die Flucht
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