Abschied auf Raten
angefangen von schaefchen am 13.11.2005
Es ist nicht immer einfach, einen klaren Kopf zu behalten. Das ist genau das, was mich am meisten an meinem Leben stört. Wieso kann ich nicht immer nach ein und demselben Muster leben? Warum muss es ständig diese Richtungswechsel geben?
Vermutlich liegt es auch einfach nur an mir. Vielleicht bin ich einfach ein zu verkappter Mensch, der darauf beharrt, dass alles so bleibt, wie es einmal war. Hoch lebe die Vergangenheit. Es war doch alles so schön, ein unglaublicher, unfassbarer Traum. Alles entsprang meiner Fantasie und wurde sofort real. Mein Leben war eine Kiste voller Überraschungen. Hier und da immer wieder spontane Treffen mit Freunden, einfach an den Tag hineinleben und schauen was passiert. Das war mein Leben - bis zu jenem Tag...
Es begann alles ganz friedlich, an einem Sonntagmorgen. Erste Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch das Balkonfenster und kitzelten an meiner Nase. Ich spürte die Wärme, wie sie meinen Körper durchdrang. Die Wolldecke, die ich mir vor dem Zubettgehen holte, weil es kalt werden sollte, hatte ich anscheinend bereits mit wenigen Griffen auf den Boden katapultiert. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und setzte mich auf. Ich suchte nach meinem Wecker, nur wusste ich nicht mehr, wo ich ihn gelassen hatte. Jedenfalls war er nicht mehr dort, wo er sonst immer stand. Ich machte mir keine großen Sorgen darum. Vielmehr bemühte ich mich, aus dem Bett aufzustehen. Ich schaute aus dem Fenster. Draußen war bereits reges Treiben auf den Straßen zu erkennen. Immer wieder kamen Eltern mit ihren Kindern vorbei, die einen gemütlichen Spaziergang durch den Park unternehmen wollten. Ich drehte mich um und ging in die Küche. Es war Zeit für einen Kaffee. Ohne den würde ich wohl sonst keine Stunde länger überleben können. Plötzlich klingelte das Telefon. Ich erschrak. Es hatte immer noch diesen grässlichen Ton, der mich wieder und wieder zusammenfahren ließ. Nachdem sich der erste Schock gelegt hatte, nahm ich den Hörer ab.
"Ja, bitte."
Kurze Stille machte sich breit, bis sie endlich von einer Antwort durchbrochen wurde.
"Hi, ich bin es."
Er war es. Jack hatte schon immer ein Gefühl dafür, mich genau dann anzurufen, wenn ich es am wenigsten erwartete. Wir trafen uns vor fünf Jahren auf einer Geburtstagsfeier einer Freundin. Danach gingen wir öfter ins Kino und verabredeten uns zum Essen. Allerdings ist nie mehr daraus geworden. Die Freundschaft hatte sich über die Zeit erhalten und noch heute nahmen wir zusammen Reißaus vor der Langeweile.
"Na, gut geschlafen?" fragte er mich und konnte die Ironie in seinen Worten kaum verbergen.
"Die Nacht war ein bisschen kurz, aber ansonsten habe ich geschlafen, wie ein Stein. Wann bist du eigentlich gestern Abend nach Hause gegangen?"
"Kurz vor Mitternacht meintest du, du wärest ziemlich müde. Da dachte ich mir, dass es besser wäre jetzt zu gehen. Kannst du dich etwa nicht mehr erinnern?" Er lachte am anderen Ende und ich wusste, dass er mich damit aufziehen wollte.
"Ich wollte nur nachfragen" Um ehrlich zu sein, wusste ich wirklich nicht mehr, was wir am Abend davor gemacht hatten, aber ich wollte seinem Gelächter aus dem Weg gehen.
"Ach komm, tu nicht so. Du warst ganz schön lustig. Ich wusste gar nicht, dass du so wenig verträgst."
"Das war nur, weil du immer wieder mein Glas aufgefüllt hast."
Ich wusste, dass er sich sein Lachen kaum verkneifen konnte, bis er am anderen Ende laut losprustete.
"Warum rufst du eigentlich an?" versuchte ich wieder Ernsthaftigkeit in die Situation zu bringen. Es dauerte Ewigkeiten bis er wieder in der Lage war, normal mit mir zu reden, ohne zwischendurch zu lachen.
"Ich wollte nur hören, wie es dir geht. Aber anscheinend ja ganz gut."
"Ja, da hast du Recht. Ich mache mir gerade einen starken Kaffee, damit ich wieder meine Augen öffnen kann."
"Du sahst gestern Abend auch aus, als würdest du einen brauchen" meinte er in einem ernsten Ton. Ich wunderte mich, warum er plötzlich die Stimmung zu wechseln schien, fragte allerdings nicht weiter nach.
"Was machst du heute noch?" fragte ich ihn, in der Hoffnung, dass er vielleicht Zeit haben würde.
"Im Moment habe ich noch nichts vor. Ich schätze, dass ich mit Bobby erst einmal in den Park gehen werde. Der sitzt schon ungeduldig an der Tür."
Bobby war sein Hund, der sehr einem deutschen Schäferhund glich. Er war noch ziemlich jung, ich schätzte ihn auf maximal drei Jahre.
"Wie wärs, wenn wir uns heute Nachmittag treffen? Bis dahin habe ich auch bestimmt wieder offene Augen."
"Es ist bereits Nachmittag" sagte er und ich dachte, er wollte mich reinlegen.
"Ach komm, sei nicht albern."
"Schau doch einfach mal auf deine Uhr."
"Wenn ich wüsste, wo sie ist, würde ich das gerne tun." Während ich telefonierte, suchte ich meine Uhr. Doch in keiner noch so kleinen Ecke konnte ich sie finden.
"Schau doch mal unter deinem Bett nach."
Ich wunderte mich, warum gerade da. Allerdings war mir das für den Moment egal. Ich beugte mich über die Bettkante und versuchte etwas in dem Dunkel zu ertasten. Und tatsächlich hatte ich dort wohl meinen Wecker untergebracht.
"Woher wusstest du das?" fragte ich ihn verwundert.
"Erinnerst du dich nicht mehr? Nachdem wir gestern den Film gegeguckt hatten, meintest du, dich würden die roten Zahlen verrückt machen. Du meintest, sie sähen aus wie Augen. Also landete er unterm Bett."
Es war beängstigend. Ich hatte anscheinend wirklich keine Ahnung mehr von dem, was am Abend davor geschehen ist.
"Ach ja, ich erinnere mich" log ich ihm vor. Ich wollte nicht noch mehr Gelächter hervorrufen.
"Und, ist es bei dir nun auch Nachmittag?"
Ich schaute auf die Uhr, musste jedoch den Staub wegwischen, der sich während der Nacht darauf gesammelt hatte. Es war tatsächlich 15 Uhr. Ich hatte also fünfzehn Stunden geschlafen und war trotzdem hundemüde.
"Ja, auch ich bin im Nachmittag angekommen. Dann ist das mit dem Treffen jetzt allerdings schlecht. Denn noch stehe ich hier nur in Nachthemd."
"Und das sollte mich stören?" fragte er und merkte gleich, dass ich wohl nicht wüsste, was ich darauf antworten sollte.
"Wie wärs denn dann mit heute Abend? Ich habe noch ein bisschen Popcorn von gestern übrig, das dringend gegessen werden möchte" witzelte ich, um ihn zu überzeugen.
"Du, von Popcorn hab ich genug. Ich wusste gar nicht, dass das Zeug so satt machen kann."
"Ich hab auch andere Sachen hier, die nur darauf warten, von dir aus dem Schrank genommen und vernascht zu werden."
"Seit wann nimmt man dich denn auch aus dem Schrank?" Er versuchte es immer wieder. Und immer wieder reagierte ich nicht darauf. Wir waren einfach zu verschiedene Menschen, als dass es mit uns beiden geklappt hätte. Aber wie es aussah, war ich die einzige, die das dachte. Vielleicht dachte ich auch einfach nur quer, und es würde alles anders laufen, als ich es mir vorstellte.
"Vielleicht ab heute Abend" machte ich ihm Hoffnungen.
"Na dann bleibt mir ja nun nichts anderes übrig, als vorbeizukommen, richtig?"
"Für frisch aufgestanden, kannst du aber schon gut kombinieren."
"Dann lass uns gegen acht bei dir treffen. Ich bring noch eine DVD mit. Eine, die dir nicht wieder Angst vor den roten Zahlen deines Weckers macht" stichelte er.
"Haha. Also um acht bei mir. Ich freu mich und kraule Bobby mal bitte von mir. Hab ihn ewig schon nicht mehr gesehen."
"Dann stell dich in zehn Minuten ans Fenster. Ich gehe doch in den Park und du hast einen wunderbaren Ausblick auf ihn."
"Ist gut, mache ich. Viel Spaß beim Spazierengehen und bis heute Abend dann."
"Bis dann."
Ich legte auf und holte mir meine Tasse Kaffee aus der Küche. Der Duft stieg mir schon während des ganzen Gespräches in die Nase und ließ mich Schritt für Schritt langsam auf die Küche zuwandern. Auf dem Tisch lag die Zeitung von gestern. Ich schlug sie auf, entdeckte aber nichts Neues. Also beförderte ich sie in den Müll. Ich ging zurück ins Schlafzimmer und legte mich ins Bett. Meine Augen starrten an die Decke und ich dachte über mich und Jack nach, ob es nicht vielleicht doch möglich wäre, alles zuzulassen. Wir kannten uns schon lange. Wenn ich darüber nachdachte, hatte ich immer ein schlimmes Ende vor Augen, was nicht nur die Beziehung, sondern auch die sehr gute Freundschaft zerstören würde. Allerdings war es mir in dem Moment fremd mir darüber den Kopf zu zerbrechen. Vielleicht war es ein Versuch wert. Vielleicht sollten wir es einfach versuchen. Der Abend kam da gerade recht.
Ich zuckte kurz zusammen, als Steine an mein Fenster klopften. Mir fiel wieder ein, dass Jack am Telefon meinte, er wolle in den Park und anscheinend war er jetzt auf dem Weg dorthin. Ich richtete mich im Bett auf und lief zum Fenster, um es zu öffnen. Kalte Luft kam mir entgegen. Trotzdem steckte ich mein Kopf heraus, um Bobby zu sehen. Er war ein bisschen größer geworden, obwohl er eigentlich schon längst hätte ausgewachsen sein müssen. Er hatte ein wunderbares Fell, goldbraun mit schwarzen Strukturen. Seine Nase war lang gestreckt. Es war ein lieber Hund, der nie Ärger machte. Stattdessen wollte er den ganzen Tag nur Spielen oder Schmusen. Er hing sehr an Jack. Das lag sicher daran, dass er von ihm noch mit einer Flasche aufgezogen werden musste. Ich winkte kurz und versuchte ein "Huhu" herauszubringen. Aber die Kälte verwehrte es mir. Dabei war die Sonne doch noch recht kräftig. Jack zeigte mit dem Finger nach oben, um Bobby zu zeigen, dass ich da war. Allerdings war er ganz auf den Park fixiert, weil er wusste, dass es wieder Zeit war, sich so richtig auszutoben. Jack winkte zurück, drehte sich um und lief auf die Straße. Ich schloss das Fenster und legte mich zurück in das Bett, mit einer warmen Decke auf meinem Körper. Die Augen klammerten sich wieder an die Decke und nun wusste ich, dass es richtig wäre, es heute Abend zuzulassen. Ich begann mich auf den Abend zu freuen, malte mir aus, wie schön es sein würde und schloss die Augen.
Plötzlich hörte ich draußen Schreie und riss die Augen auf. Ich wusste, es war Jack. Ich hatte ein seltsames Gefühl und traute mich kaum, aus dem Fenster zu schauen. Von weit her hörte ich schon den Krankenwagen und in kleinen Schritten bewegte ich mich auf das Fenster zu. Ich öffnete es und starrte auf die Straße. Überall war Blut zu sehen. Die rote Farbe brannte sich in meinen Augen fest. Meine Knie wurden weicher und ich wusste nicht, wie lange ich noch stehen konnte. Fast sackte ich zusammen. Ich versuchte irgendetwas zu erkennen, einen Anhaltspunkt zu finden, dass er noch leben würde. Doch es gab ihn nicht. Eine Gruppe von Schaulustigen sammelte sich um den Unfallort. Als der Krankenwagen eintraf, machten sie kurz etwas Platz, um die herbeieilenden Ärzte durchzulassen. Sie waren mit vielen Maschinen und Geräten angerückt, um das Leben des Schwerverletzten doch noch retten zu können. Ich wollte die Szenerie nicht mehr sehen. Ich schloss das Fenster und sank in mein Bett. Tränen liefen meine Wangen hinab. Mein Gesicht versteckte sich immer tiefer im Kissen. Ich schluchzte, schlug mit Fäusten auf das Kissen ein. Ich war wütend. Warum bremste der Fahrer nicht rechtzeitig? Warum hat er Jack nicht kommen sehen? Warum musste ein Unschuldiger sein Leben lassen, nur weil ein Autofahrer unaufmerksam am Steuer saß?
Tausend Fragen und Vorwürfe durchkämmten meine Gedanken. Alles war voller Hass und Wut. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Am liebsten hätte ich den Fahrer zur Rede gestellt und ihm jegliche Verantwortungslosigkeit vorgeworfen. Ich wäre vermutlich mit Messern auf ihn losgegegangen, denn er hatte mir einen Teil meines Lebens genommen. Zwischen all dem Schluchzen bemerkte ich kaum das Klingeln meines Telefons. Ich wollte den Hörer nicht abnehmen. Ich wollte nicht reden, mit niemandem. Aber das Klingeln wollte nicht aufhören. Dieser grässliche Ton setzte sich in den Ohren fest und machte es mir schwer, ihn zu überhören. Ich erwog den Stecker zu ziehen. Doch wollte ich zunächst wissen, wer so dringend etwas von mir wollte. Ich wischte mir die Tränen aus den Augen und nahm den Hörer ab.
"Hallo?" fragte ich mit schluchzender Stimme, immer noch mit blutüberströmten Bildern im Kopf. Sie klammerten sich fest, ich konnte sie kaum abschütteln. Doch zwang ich mich dazu zumindest etwas Ruhe in das Wirrwarr zu bringen...
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