Sense
angefangen von Cerberos am 29.07.2010
Kapitel 1
-- Ende
Eine ziffernlose Uhr tickte beständig vor sich hin.
„Mach doch keinen Scheiß!“, rief der Neue und streckte zaghaft die Hand aus. „Komm schon!“
„Geh!“ Frank Tabler hatte einen echt miesen Tag hinter sich. Es war einer von diesen, an denen man sich ärgert, überhaupt erst aufgestanden zu sein. Tabler ärgerte sich inzwischen sogar, überhaupt erst geboren worden zu sein. Eigentlich ging es nämlich weniger um diesen Tag; er war nur die Spitze des warm dampfenden Scheißhaufens, den er sein Leben nannte. Heute hatte das Schicksal ihm die Nase in den Wind gehalten und der Gestank in seiner vollen ranzigen und verabscheuungswürdigen Ekelhaftigkeit sich bis zum Anschlag in ihn hinein gerammt, bis er ihm schleimig aus dem Maul triefte.
Die Uhr besaß nur ein angelaufenes Gehäuse aus billigem Metall und die spärliche Aufschrift „TGmbH & CoKG“.
„Was soll das denn…“ Das halbe Kind, das Frank nervte, war unausstehlich und wirklich keine Hilfe. Aber hartnäckig war der Kerl; das musste man ihm lassen. Auch wenn er zu feige war, um sich von der Stelle zu rühren.
„Hörst du schlecht?! Hau ab!“ Was wusste dieser Möchtegern denn schon? Hatte er schon mal ein Leben gelebt, in dem sich der Schimmel immer weiter ausbreitete? Hatte er 32 Jahre eine Ehe aufrechterhalten, die hinter der Fassade die Pflegestufe 1023 verdient hätte, bis sie ihm die letzte Kraft aus den Knochen gelutscht hatte? Vier Kinder hatte Frank großgezogen. Das größte Glück auf Erden, hatte er irgendjemanden mal sagen hören. Die Hälfte dieses Glücks hatte er seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Ehrlichgesagt wusste er noch nicht mal, ob sie noch lebte. Seine beiden ältesten Töchter waren in die Drogenszene abgerutscht und auf der Straße verlorengegangen. Der erste Sohn sollte ein neuer Anfang sein. Frank wollte sich einfach nicht mehr als Monster fühlen. Er wollte beweisen, dass er nicht noch mal versagen würde. Unter keinen Umständen durfte er noch einmal versagen. Seine Frau war davon zwar nicht so begeistert – vielleicht hatte sie die beiden noch nicht aufgegeben, vielleicht aber auch sich selbst sehr wohl – aber er schaffte es, sie zu überreden.
„Jetzt komm…“
Heute wusste Frank, dass man niemanden zu so etwas überreden sollte. Die Frau, die er einmal geheiratet hatte, war inzwischen gebrochen. Sie liebte den kleinen Pupser, davon war Frank überzeugt, aber eben deswegen hatte sie auch Angst um ihn. Vollkommen bewusst verbot sie sich selbst, eine Beziehung zu ihrem eigenen Fleisch aufzubauen. Sie fasste ihren Sohn nicht an und sie redete nicht mit ihm. Manchmal hatte Frank sogar den Eindruck, dass sie sich vor ihm versteckte. Fast hätte man meinen können, dass sie Angst vor dem Baby gehabt hätte.
Die Nervensäge wagte sich einen Schritt weiter vor. Der traute sich was…
„Bleib da! Geh weg! Mach was du willst – aber lass mich in Ruhe!“ Es war nicht einfach gewesen, als Frank den Kleinen alleine aufziehen musste. Sein Eheweib war nicht mehr als ein Starschnitt, dem er hin und wieder mal Begegnete. Ein Star, den er mal vergöttert hatte; aber eben nur eine hauchdünn gedruckte Version von ihm. Es war nicht mehr echt…
„Du musst das nicht machen!“
Tick, tick, tick, tick, tick
Dieser Junge wurde ein guter Mensch. Er konnte nie eine Beziehung mit einem Mädchen eingehen, aber das war ja auch nicht wichtig. Frank gab nicht ihm die Schuld dafür. Und er verbot sich, sie jemandem anders zu geben. Er war so ein guter Mensch… Und er war ehrgeizig. Aus ihm sollte mal etwas werden. Etwas wirklich Gutes. Frank war stolz auf ihn, wie er noch nie auf etwas stolz war. Ja sogar seine Frau war stolz auf ihn. Und sie war stolz auf Frank. Die beiden lernten endlich Vergessen. Und sie liebten einander. Nicht wie nie zuvor oder so, aber sie liebten sich. Wieder. Und dann wurde der Junge erschossen, nur weil er eben gerade da war, wo er gerade besser nicht gewesen wäre.
An der Uhr hing ein goldenes Kettchen. Wie bei diesen alten Taschenuhren, die heutzutage keiner mehr mochte. Das Kettchen lag über einen dunklen Lederhandschuh. Die Hand in ihm hielt die Uhr mit festem Griff. Die Uhr tickte und trieb die Zeiger über die leere Fläche.
„Komm einfach mit mir!“ Vielleicht wurde ihm ja langweilig, wenn Frank ihn ignorierte.
Damals hatte er sich gefühlt, als würde Salzsäure, vermengt mit zerbrochenen Rasierklingen, gnadenlos und unaufhaltbar durch seine Adern gepumpt werden. Glücklicherweise fand er eine Medizin gegen den Schmerz. Täglich lag er da und betankte sich literweise damit. Es fühlte sich gut an, nicht mehr zu fühlen.
„Jetzt lass den Scheiß doch…“
„Verpiss dich!“ Ausgespuckte Tränen flogen in hohem Boden mit dem Wind in tiefe Ferne. Eine schlimme Zeit war das damals gewesen. Für Frank und für seine Frau. Und dann diese Idee…
„Ich bin für dich da.“
„Scheiße!“
Die Zeiger drehten sich. Zwei kaum merklich, einer ruckartig jede Sekunde. Der kleinste von ihnen war schon ganz oben angekommen. Der nächste bemühte sich, ihm zu folgen.
Dieses Mal war es seine Frau, die es für eine gute Idee hielt. Einmal noch. Ein letztes Mal. Um alles wiedergutzumachen. Sie mussten es tun. Sie hätten es niemals tun sollen, aber sie mussten einfach. Ein weiteres Kind wurde in die Welt gesetzt und von deprimierten Alkis aufgezogen, die eigentlich schon mit dem Leben abgeschlossen hatten. Natürlich konnte nichts daraus werden. Die Tablers konnten nicht stolz auf ein verachtenswertes Arschloch sein, das keine Werte kannte und niemanden mehr mochte als sich selbst. An sich konnte Frank sich noch nicht mal vorstellen, dass dieses Miststück von einem Bastard wirklich in der Lage sein sollte, seinem Spiegelbild etwas abzugewinnen. Kein Wunder, dass dieser letzte Versuch inzwischen seinen Arsch hinter Gittern öfter verhurte als die beste Nutte vom Kiez. Die Familie Tabler zerbrach, wenn das nicht schon viel früher passiert war.
„Okay, jetzt nochmal ganz ruhig. Wir können über alles reden.“
Tick, tick
Heute morgen war Frank wie an jedem anderen Tag verkatert und viel zu früh aufgestanden. Das Übel bäumte sich langsam auf, als er den Kühlschrank leer vorfand. Nicht, dass er Essbares darin vermutet hätte; aber der morgendliche Gin war ihm heilig, auch wenn es der billigste von der nächsten Tanke war. An die Kaffeemaschine traute er sich immer noch nicht, weil es ihm vorkam, als würde er damit irgendwie seine Frau berühren. Aus dem gleichen Grund schaffte er es auch nicht, sie zu ersetzen. Da seine Frau selbst natürlich schon lange nicht mehr bei ihm war, kam er erst im Büro in den Genuss des ersten Wachmachers. Auf dem Klo halfen noch kaltes Wasser und ein paar Schnitte in den ohnehin nicht mehr gut durchbluteten Oberschenkel nach. Dann setzte er sich in sein Kämmerlein mit den drei Pappwänden und tat stundenlang so als ob er arbeiten würde. Genau genommen dauerte es dreieinhalb, bis Humbolt ihn besuchen kam. Von Einsparungsmaßnahmen hatte der zu berichten und von Kürzungen. Was auch immer, hatte Frank sich nur gedacht. Aber schließlich feuerte Humbolt ihn doch noch. Eine Pause sollte er sich dafür genehmigen. Wie aufmerksam er doch sein konnte. Die verbrachte er dann, heute wie immer, allein auf dem Dach, um nicht nur seine Lungen, sondern auch seinen Magen mit der Medizin zu stärken, die ihm nach all dem Schrott als einziger Lebensinhalt geblieben war. Hier oben hatte dann sein Telefon geklingelt und ihm gutmütig und treu ins Ohr geschnattert, dass man seine Frau gefunden hatte. Nein, es gäbe keinen Zweifel daran, dass sie es war und nein, es gäbe leider keine Hoffnung mehr. Ein Baum war nun mal stärker als hundertsechzig.
„So schlimm kann’s doch nicht sein!“
Hier oben war ihm dann die beste Idee seit langem gekommen. Fand zumindest Frank. Er verfluchte sich sogar, noch nicht früher darauf gekommen zu sein. Das Dach des vierzehnten Stocks lud doch richtig dazu ein!
„Du brauchst ganz schön lange, mein Freund.“ Die lederne Hand steckte die Taschenuhr an ihren Platz und stupste die weite Krempe des Hutes ein wenig an, die die Sicht auf das obere Ende des Gebäudes versperrte. Ein Laster fuhr vorbei und tötete mit seinen Ausscheidungen zwölf weitere Grashalme der noch einigermaßen grünen Wiese. Der einsame Baum ließ zur Trauer ein paar Blätter fallen. Ihm machte das nicht fiel aus und er bot dem Wartenden auch gern die Schulter zum Anlehnen. Lange wollte er scheinbar ohnehin nicht bleiben.
Der Wind streichelte über die Gesichter der beiden Männer auf dem Dach. Frank merkte ihn nicht. Er war ganz ruhig. Nicht sein Herz war es, das vor Aufregung einen Marathon rannte. Dieser Neue war der Einzige, der sich noch für seine verkorkste Existenz interessierte. Nur warum, wollte Tabler einfach nicht in den Kopf. „Was machst du hier eigentlich?“
Natürlich wusste er keine Antwort. Natürlich war er nur ein Möchtegern. Natürlich ging es ihm nicht um Frank, sondern um Prinzipien.
„Geh doch einfach…“
„Ich werde nicht gehen!“ Natürlich. Aus Prinzip. Dummschwätzer.
„Das merk ich – aber warum, verdammt?!“
Den ersten Tag in der Firma und schon einen auf Held machen. Die anderen würden ihn lieben. Und dann traute der Kerl sich schon wieder, näherzukommen.
„Hau ab! Oder du hast gleich keinen Grund mehr, hier zu sein.“ Warum er den jetzt überhaupt noch hatte, konnte Frank aber auch nicht sagen. Vielleicht wollte er diesen Moment einfach noch ein wenig genießen. Und wenn diese Nervensäge ihm nicht mittlerweile so nah gekommen wäre, hätte er das auch gekonnt. „Jetzt hau endlich ab!“ Viel zu nah war er schon an ihm dran. Tabler wurde nervös. Das sollte ihm doch wohl nicht auch noch versaut werden…
Die Hand holte die Uhr wieder aus der Tasche und hielt sie hoch. Dann schüttelte sie sie und hielt sie wieder hin. Nur der Sekundenzeiger musste noch nach oben klettern.
Tick, tick, tick
„Bleib weg! Bleib da steh’n!“
„Okay, okay. Ganz ruhig.“
„Sag mir nicht, dass ich ruhig bleiben soll!“ Schließlich wäre er ruhig gewesen, wenn er ihn nur gelassen hätte.
„Gib mir einfach deine Hand…“
„Fass mich nicht an!“ Sollte er einfach drauf scheißen und es machen?
Tick, tick, tick, tick
Jetzt oder nie – sonst könnte dieser Mistkerl ihn gleich noch festhalten.
Frank Tabler schloss die Augen und lächelte.
Tick, tick, tick
Der Neue packte zu und bekam ihn zu fassen, aber zu spät: Er hatte sich fallen lassen!
Tick, tick
Er riss ihn wieder hoch und stemmte den Fuß nach vorne, rutschte selbst von der Kante und sank mit dem Bein hinunter. Sein eigenes Gewicht zog ihn nach und er sah Tabler sich von ihm entfernen; langsam und dann immer schneller. Schneller und noch schneller. Schneller, immer schneller raste er durch die Luft und fiel, fiel wie ein Stein!
Tick.
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Kommentare zu diesem Abschnitt
Wie so oft nicht viel mehr als eine Idee. Bei weiterer Überlegung gefiel mir nicht, wohin der Plot führte. Für sich noch kein großer Wert, aber vielleicht hat hier noch jemand anders Spaß damit ;) -
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